Gefühle verleugnen – wenn du weißt, was ist, aber nicht hinschauen willst
Wie ich mein innerstes Wissen ignorierte – und was mich das kostete
Im letzten Artikel habe ich über meinen inneren Widerstand geschrieben. Heute erzähle ich, wie es weiterging – mit meiner Stimme, mit meiner Gesundheit und vor allem mit mir selbst. Denn auf den Widerstand folgte etwas noch Erschöpfenderes: das Verleugnen meiner eigenen Gefühle und meines innersten Wissens.
Dabei ist das Kuriose an der Verleugnung: Tief in uns wissen wir fast immer, was wahr ist. Unsere Selbstwahrnehmung flüstert es uns zu – doch unser Kopf schreit lauter.
Was es bedeutet, Gefühle zu verleugnen
Gefühle verleugnen bedeutet nicht, dass wir nichts spüren. Es bedeutet, dass wir spüren – und es trotzdem beiseite schieben. Weil es gerade nicht passt. Weil wir keine Zeit haben. Weil die Konsequenzen des Hinschauens sich zu groß anfühlen.
„Hey, mir geht’s doch gut. Die Heiserkeit wird schon wieder vergehen. Ich hab jetzt keine Zeit für Ängste.“
Genau das dachte ich – Woche für Woche. Mein Kopf übertönte mein inneres Wissen täglich, stündlich. Dabei war die Botschaft meines Herzens immer dieselbe: Geh zum Arzt. Lass es abklären. Es ist noch nicht vorbei.
Ich war permanent müde, kämpfte mich an den Laptop, und wenn ich mir mal eine Pause gönnte, meldete sich sofort das schlechte Gewissen. Ich begann mich selbst nicht mehr zu mögen – überzeugt, nichts auf die Reihe zu bringen. Meine Selbstwahrnehmung war längst aus dem Gleichgewicht geraten, ohne dass ich es wahrhaben wollte.
Warum wir unser inneres Wissen ignorieren
Gefühle zu verleugnen ist keine Schwäche. Es ist ein Schutzmechanismus. Solange wir nicht hinschauen, müssen wir keine Entscheidungen treffen, die unser Leben verändern könnten.
In meinem Fall bedeutete Hinschauen: akzeptieren, dass meine Pläne – der Kommunikationskurs, die Videos, der große Schritt nach außen – vielleicht nicht so umsetzbar waren wie erhofft. Das wollte ich nicht. Also verdrängte ich. Und je mehr Energie ich ins Verdrängen steckte, desto erschöpfter wurde ich.
Die Energie, einen nicht mehr tragbaren Zustand aufrechtzuerhalten, ist um ein Vielfaches größer als die Energie, die der ehrlichere Weg kosten würde.
Das Paradoxe daran: Ich wollte doch eigentlich einen neuen Weg. Aber eben zu 100% unter meiner eigenen Kontrolle, in meinem Tempo, nach meinem Plan. Kontrolle loslassen – das war das Letzte, was ich mir vorstellen konnte.
Wenn Verleugnen nicht mehr funktioniert
Der Satz „Wer nicht hören will, muss fühlen“ traf mich mit voller Wucht. Eine erneute Kehlkopfentzündung zwang mich zum HNO-Arzt – einem Arzt, der sehr genau hinsah und mich in eine Klinik überwies. Was ich tief in mir gewusst, aber verleugnete, bestätigte sich: Verdacht auf Stimmbandkrebs. Im April 2025 wurde eine Gewebeprobe entnommen. Das Ergebnis war eindeutig.
Als der Chefarzt mir das Ergebnis mitteilte, war ich seltsam teilnahmslos. Ich überspielte den Ernst der Lage mit aufgesetzter Stärke und einem Lächeln. Verleugnen in Reinform – selbst noch in diesem Moment.
Danach folgte eine neue Runde: Aufgeschoben ist nicht aufgehoben. So schlimm wird es schon nicht sein. Ich bin krankgeschrieben – vielleicht kann ich die Zeit nutzen, um an meinen Kursen zu arbeiten. Alles auf Text statt Sprache umstellen. Mein Kopf suchte sofort nach dem nächsten Plan, nach dem nächsten Weg, die Kontrolle zu behalten.
Bis meine letzten Energiereserven aufgebraucht waren. Bis ich nicht mehr konnte.
Der Unterschied zwischen Ergeben und Aufgeben
Nach der Operation im Mai 2025 – bei der mir das rechte Stimmband entfernt wurde – traf ich eine bewusste Entscheidung. Ich ergab mich. Nicht, weil ich musste. Sondern weil ich erkannte: Ich kann mir nur helfen, wenn ich aufhöre, gegen mein innerstes Gefühl zu kämpfen.
Ergeben und Aufgeben – das ist ein entscheidender Unterschied. Aufgeben bedeutet Resignation. Ergeben bedeutet, die Realität anzunehmen und sich bewusst dafür zu entscheiden, anders damit umzugehen. Es ist der Moment, in dem Kontrolle loslassen vom Zwang zur Befreiung wird.
Ich bewegte mich von einem Atemzug in den nächsten. Ich war dankbar zu leben. Ich musste nichts planen, nichts wissen, nichts tun. Was für eine Erleichterung. Kein Gefühle verleugnen mehr. Kein Kämpfen gegen mein inneres Wissen.
Was du tun kannst, bevor du musst
Ich empfehle dir von ganzem Herzen: Lass es nicht so weit kommen, bis du aus vollkommener Erschöpfung die Kontrolle loslassen musst.
Eine vom Körper erzwungene Pause ist trügerisch – denn sobald ein wenig Energie zurückkommt, meldet sich der Kopf sofort wieder. Echter Wandel beginnt nicht in der Erschöpfung. Er beginnt in dem Moment, in dem du dich bewusst entscheidest hinzuschauen.
Hier sind drei Fragen, die dir helfen können, früher hinzuschauen:
- Was weiß ich tief in mir – und verdränge ich gerade?
Nimm dir einen Moment und höre deiner inneren Stimme zu, bevor dein Kopf sie übertönt. - Wie viel Energie kostet mich dieser Zustand wirklich?
Erschöpfung, schlechter Schlaf, Gereiztheit – oft sind das Signale, dass etwas nicht stimmt. - Was wäre, wenn ich die Kontrolle loslasse?
Nicht als Aufgabe, sondern als echte Frage. Was würde sich erleichtern?
Wenn dich dieses Thema berührt – das Verleugnen, das innere Wissen, das Loslassen von Kontrolle – dann begleite mich weiter. In meinem Newsletter tauche ich noch viel tiefer in diese Themen ein. Ich erzähle dir, wie ich gelernt habe, hinzuschauen, und welche Entscheidungen mein Leben verändert haben.
Wenn du spürst, dass du gerade an genau diesem Punkt stehst – ich begleite dich.
Beitragsbild: geralt/Pixabay

